Lidl-Methoden: Bespitzelung der Beschäftigten bei Discountern üblich?

Wer in den letzten Tagen die Presse verfolgt hat, wird die Meldungen über die Methoden des Lebensmitteldiscounters Lidl in einigen Bundesländern nicht übersehen haben, s. nur

http://www.stern.de/magazin/heft/614990.html?http://www.stern.de/magazin/heft/614959.html?http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,543431,00.html  http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,543930,00.html

Dass die beschriebenen detektivischen, an die Arbeit des MfS in der ehemaligen DDR erinnernden Beobachtungen bei dem Lebensmitteldiscounter mit der Rechtsordnung nicht vereinbar sind, dürfte klar sein. Lidl entschuldigte sich z.B. am Montag mit großen Zeitungsanzeigen:  

 http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,544369,00.html

Vorab: Unter bestimmten, allerdings sehr engen Voraussetzungen darf ein Unternehmen sehr wohl Beschäftigte etwa mit einer Kamera beobachten. Dies ist möglich bei einem sehr konkreten Verdacht auf eine Straftat, wobei sich der Verdacht zumindest auf einen/eine Beschäftigte/n richten muss, die Beobachtung zeitlich begrenzt ist und die Daten anderer Beschäftigter – und Kunden – dabei nicht erhoben werden. Überdies kann das Unternehmen zur Diebstahlsverhinderung für jeden ersichtlich (und nicht heimlich!) Überwachungskameras installieren und darauf hinweisen. Ziel ist es dabei nicht, empfindliche Daten zu sammeln, um etwa ein Bewegungsprotokoll der Beschäftigten zu erschaffen, sondern Diebstähle zu verhindern oder aufzuklären. Die zeitgleich erfassten privaten Daten (Verhaltensweisen, Gespräche, Kleidungsstil, Bekanntschaften) haben damit sicher nichts zu tun.

Die “Entschuldigung” greift deshalb zu kurz, da Verantwortliche bei Lidl offenbar zu weit gegangen sind.

Mal abgesehen von der rechtswidrigen Vorgehensweise muss sich die Unternehmensführung fragen lassen, ob sie sich der stark demotivierenden Wirkung Ihres Tuns – Kultur des Misstrauens und Bespitzelung, Förderung von Denunziantentum und “Mobbing” – überhaupt bewusst war.

War dieses Vorgehen im Hinblick auf die Umsetzung der Unternehmensziele förderlich? Ein klares “Nein” dürfte die Antwort sein, wenn man davon ausgeht, dass Lidl eigentlich am Markt bestehen bleiben möchte, wie man an der Expansion des Unternehmens sieht.

Ganz gleich, ob die Unternehmensleitung bzw. einzelne Regionalleitungen (es waren nur einzelne Bundesländer betroffen, so vor allem Niedersachsen, Berlin, Rheinland-Pfalz) dies bewusst forciert haben oder ob sich die Detektive- wie behauptet – verselbständigt haben: In beiden Fällen liegen schwere Führungsfehler mit nachhaltigen Konsequenzen für das Unternehmen vor. In letzerem Fall – Detektive haben sich “verselbständigt”- müssen sich die Verantwortlichen allerdings die Frage gefallen lassen, warum sie die eigentlich nicht beauftragten Verhaltensprotokolle angenommen und gegen die Belegschaft genutzt haben. Hier hätte man zwingend (!) die Annahme dieser Protokolle ablehnen und auf die Einhaltung des Beobachtungsauftrags drängen müssen. Stattdessen aber wurden diese Protokolle offenbar angenommen und gesammelt. Die Entschuldigung unter Hinweis auf die “Verselbständigung” der beauftragten Detektivunternehmen ist somit leider kaum glaubwürdig.

Vor wenigen Jahren erst erschien das von ver.di veröffentlichte  “Schwarzbuch Lidl”, später die Version für Lidl in Europa. Unabhängig davon, ob die Vorwürfe berechtigt waren oder ver.di “zu weit gegangen” ist mit der Darstellung – Lidl hätte die Vorwürfe prüfen, bei Berechtigung dann folgern müssen, bestimmte Prozesse zu überdenken, an der Unternehmenskultur zu arbeiten – um schließlich seinen ramponierten Ruf wieder her zu stellen.

Auch die Schlappe des Unternehmens Wal-Mart vor einigen Jahren mit ihrer selbst geschaffenen “Unternehmensethik” hätte Warnsignal sein können. Auch Schlecker ist mit fragwürdigen Führungsmethoden erheblich in die Kritik geraten.

 Lesenswert ist dazu das Interview bei SPON mit Dieter Brandes, einem Discounter-Insider:

 http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,544451,00.html

Er prangert dabei eine “miese Firmenkultur” an, die eine solche Bespitzelung ermögliche; gäbe es dort Betriebsräte, hätten diese der Überwachung nicht zugestimmt, da aber in dem Unternehmen stetig und systematisch die Bildung von Betriebsräten verhindert worden sei, gäbe es keine Kontrollmechanismen. Außerdem sei eine Führungsschwäche darin zu sehen, dass einige der Detektive sich offenbar verselbständigt hätten.

Dem ist nichts hinzu zu fügen, wobei einschränkend anzumerken ist, dass nicht jedes Unternehmen mit einem Betriebsrat über eine hervorragende Unternehmenskultur verfügt – oder umgekehrt, dass ein Unternehmen ohne Betriebsrat eine miese Unternehmenskultur aufweist (was sämtliche Kleinstunternehmen unter Generalverdacht stellen würde…). Miese Unternehmenskultur besteht aber dann, wenn die Unternehmensleitung auf Biegen und Brechen die Gründung eines Betriebsrats zu verhindern versucht. Sollte sich trotz der Verhinderungsbemühungen ein Betriebsrat bilden, darf sich die Unternehmensleitung auf schwierige Zeiten gefasst machen. 

Der Schaden, der nun entstanden ist – erhebliche Rufschädigung, Schaffen eines Klimas des Misstrauens, demotivierende Unternehmenskultur – dürfte die Inventurverluste um Einiges übersteigern, zumal der Schaden nahezu irreparabel erscheint und allenfalls über einen langen Zeitraum ausgeglichen werden kann.

Nach dem Motto “Der Fisch stinkt vom Kopf” sind Verantwortliche von der regionalen Führungsebene aufwärts auszutauschen.

Hoffen wir, dass das Unternehmen nun aus seinen Fehlern lernt und die richtigen Konsequenzen zieht. Eine Kultur des Lernens ist nicht die schlechteste Unternehmenskultur.

Martin Meßing – der Arbeitsrechtsanwalt

Weitere Beiträge in der Kategorie: Arbeitsrecht, Führung, Unternehmenskultur

1 Kommentar am “Lidl-Methoden: Bespitzelung der Beschäftigten bei Discountern üblich?”

  1. arbeitsrechtsanwalt Says:

    Hallo Wolfgang,

    in meinem neueren Beitrag vom 09.02.2009 – s.o. – habe ich Bezug genommen auf eine Studie, die besagt, dass vier von zehn potentiellen Käufern wegen der Spitzelaffäre von einem Kauf bei Lidl abgesehen haben. 40% Kundenverlust ist ja wohl für einen Discounter eine Hausnummer! Ich hoffe, man hat jetzt verstanden…

    M.Meßing – der Arbeitsrechtsanwalt

Kommentare

*
To prove you're a person (not a spam script), type the security word shown in the picture.
Anti-Spam Image